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Nie wieder Fußball! Samstag, 19. Mai 2001. Das Wetter ist sehr schön, die Bayern liegen in Hamburg 1:0 zurück, der FC Schalke 04 hat den Rückstand gegen Unterhachingen aufgeholt, führt nun souverän und glaubt sich schon als neuer Deutscher Meister feiern lassen zu dürfen. Da pfeift der Schiedsrichter in der 92. Minute indirekten Freistoß im Strafraum für die Münchner. Wir schalten nun live um in die Kölner Gürzenichsäle. Dort findet gerade der 61. deutsche Kardiologen-Kongress statt. Prof. Karsunke, Leiter der thüringischen Landesklinik Waltershausen, hält gerade vor vollbesetzten Reihen seinen Abschlussvortrag zum Thema: „Ist die linke oder rechte Herzkammer verantwortlich für das politische Bewusstsein?" und erläutert seit Minuten die Problematik, dass es auf den Standpunkt des Betrachters ankommt, um festzulegen, welche Kammer denn die rechte sei. Plötzlich klingen 1200 Handys Sturm. Sämtliche Mobilfunknetze brechen zusammen. Nachdem die Schalker buchstäblich in allerletzter Sekunde die Salatschüssel nach Bayern verloren haben, erleidet das Ruhrgebiet einen kollektiven Herzinfarkt. Ich selber habe dieses Ereignis am Radio, im Haus meiner Schwiegereltern, irgendwo in der Magdeburger Börde verfolgt. Als mein Schwager versucht, mir medizinischen Beistand zu verschaffen, sind die Leitungen schon tot. Also gehe ich sofort zur örtlichen Betäubung über und lasse mir ein kühles Bier an mein Krankenbett bringen. Für den Heimweg werden mir noch acht weitere Flaschen Medizin eingepackt und wie in Trance lande ich in Leipzig. Dort läuft mir Poppe über den Weg. (O. K. wir wohnen im selben Haus, und ich habe bei ihm geklingelt.) Weinend liegen wir uns minutenlang in den Armen. Wir stoßen an, heulen, trösten uns und singen immer wieder „Football is coming home, is coming home, is coming...", in der Hoffnung, es damit herbeibeten zu können, dass nächstes Jahr der Fußballgott ein bisschen gerechter sein wird, beschließen aber, dass Mark bleiben darf, obwohl er Bayern-Fan ist. Morgens um drei ist die Medizin alle und die letzte Träne aus unseren Augäpfeln getropft. Ich bin am Ende; so etwas soll mir nie wieder passieren. Also steht mein knallharter Entschluss fest: Der Fußball kann mir ab jetzt gestohlen bleiben. Ist doch auch bescheuert. 20 Kerle rennen 90 Minuten dem Ball hinterher und zwei versuchen selbigen zu fangen. Und wenn sie dass nicht tun, dann jubeln entweder die einen oder die anderen. Das ist ja fast so hirnlos wie die Formel 1, wo 22 in Feuerschutzanzüge Gepferchte im Kreis fahren. Überhaupt diese ganzen Sportveranstaltungen; dümmliches Männlichkeitsgehabe. Gesunder Geist in gesundem Körper, dass ich nicht lache. Wenn deren Geist gesund wäre, dann würden diese Athleten zu Hause bleiben oder in die Oper gehen. Ich verbringe meine Freizeit jetzt auch viel sinnvoller. Ich lese Jean Pütz und seit dem bestreite ich die Wochenenden damit, selbstgekochtes Shampoo zuzubereiten und die ganze Bude mit Duftkerzen zuzuräuchern. Auch selbstgebackenes Brot schmeckt besser als gekauftes ganz zu schweigen von selbst angebauten Kräutern. Ich bin auch ausgeglichener seitdem ich einen Zugang zu Grünpflanzen gefunden habe. Sogar im Theater hat es mir gut gefallen, nur meine Nachbarn fanden, ich hätte meine Hupe zu Hause lassen sollen. Auch nachdem ich, als dieser Romeo zehnminutenlang den Todeskampf vorgetäuscht hat, „Schauspieler! Schauspieler!" gegrölt habe wurde ich von einigen Smokingträgern übel beschimpft. Ich hatte sowieso das Gefühl, dass diese feinen Pinkel irgendwie zur Gegenseite gehörten, aber wer in welchen Fanblock gehört, werde ich noch herausfinden. Doch mit der Zeit fehlte irgendwie der Wettkampf, das Beteiligsein am Messen der Kräfte und Fähigkeiten. Daher habe ich mich einem Scrabble-Kreis angeschlossen. Wir treffen uns jeden Mittwoch bei Erdbeer-Rhabarber-Schorle mit Vitamin C Zusatz und zocken ganz herrlich. Besonders schön ist es, hinterher die Partie noch einmal Revue passieren zu lassen. Die Punkte sind ja nicht wirklich das Wichtige. Bemerkenswerter ist, wer das interessanteste Wort gelegt hat. Und da habe ich letztens mit Abseitsfalle den Vogel abgeschossen, denn das hatten die anderen noch nie gehört.
P.S. Gestern stand in der Zeitung, dass die toten Hosen der neue Trikotsponsor meiner Heimatmannschaft Fortuna Düsseldorf sind. Da könnte es natürlich doch passieren, dass ich das ein oder andere Mal auf den Rängen des Rheinstadions anzutreffen bin. P.P.S. Naja, und wenn die Nationalmannschaft spielt, dann guck ich vielleicht auch mal hin, weil der Netzer immer so schön spricht. P.P.P.S. Ach so - ist der Bundesligaspielplan für nächste Saison eigentlich schon raus?
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